Image
WDK_Anish K. Taneja.jpeg
Foto: Lehmkuhl
Anish K. Taneja ist neuer wdk-Präsident.

wdk

„Wir stehen an einer Zeitenwende“

Im Interview mit AutoRäderReifen-Gummibereifung spricht der neue Präsident des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie e.V. (wdk), Anish K. Taneja, über strengere Klimaziele und die Vielzahl an Herausforderungen für Akteure der deutschen Kautschukindustrie zur Bewältigung der Industrietransformation.

Herr Taneja, Europa gibt sich noch strengere Klimaziele, die auch die Automobilbranche weitreichend beeinflussen werden. Was sind die wichtigsten Initiativen der durch den wdk vertretenen Branchen, hier einen maßgeblichen und nachhaltigen Beitrag zu leisten?

Anish K. Taneja: Wir erleben momentan einen grünen Umbau des Mobilitätssektors. Darauf zielt ja auch der Green Deal der Europäischen Union ab. Der wdk unterstützt dieses Ziel im Grundsatz und die Reifenindustrie befürwortet ausdrücklich auch die damit verbundene mobile Transformation. Reifen verfügen – auch aufgrund der Innovationskraft der deutschen Kautschukindustrie – über ein erhebliches Potential, den Kraftstoffverbrauch zu reduzieren und die Reichweite von Elektrofahrzeugen zu erhöhen. Wir können also einen wichtigen Beitrag zum nachhaltigen Paradigmenwechsel im deutschen und europäischen Verkehrssystem und zu dessen Sicherheit leisten. Was nicht heißt, dass wir dabei keine politische Unterstützung gebrauchen könnten. Die Bundesregierung könnte etwa Anreize zum Erwerb nachhaltiger, sicherer und damit ökologisch sinnvoller Reifen oder reifenbezogener Lösungen schaffen.

Welche Fähigkeiten müssen Akteure der deutschen Kautschukindustrie zur Bewältigung der Industrietransformation zeigen?

Anish K. Taneja: Eine der Kernkompetenzen unserer Unternehmen ist Flexibilität. Und diese Fähigkeit, sich pragmatisch auf Veränderungen einzustellen, sie rechtzeitig vorauszusehen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen, wird in den kommenden Jahren von herausragender Bedeutung sein. Wir betrachten uns ja gerne als mittelständische Referenzbranche, da die deutsche Kautschukindustrie in gewisser Weise typisch für den deutschen Mittelstand insgesamt ist. Das heißt, all das, was ihn auszeichnet, trifft auf uns in besonderer Weise zu: Wir sind dynamisch, innovativ, nehmen unsere soziale Verantwortung ernst, haben flache Hierarchien und bieten beste Qualität und eine hohe Wertschöpfungstiefe. Diese Eigenschaften werden uns sicherlich helfen, die Industrietransformation erfolgreich zu bewältigen.

Das Thema Altreifen-Entsorgung bleibt relevant. Der wdk bilanziert 571.000 Tonnen im vergangenen Jahr. Die Recyclingquote stieg auf ein Rekordniveau, hieß es. Andere Branchenexperten sehen die Industrie noch stärker in der Pflicht. Wie beurteilen Sie das Thema als neuer wdk-Präsident?

Anish K. Taneja: Als wdk-Präsident stelle ich fest: Die Kreislaufwirtschaft bei Altreifen funktioniert gut. Sowohl hinsichtlich des Reifens als auch seiner Komponenten, wo es verschiedene Projekte und Initiativen gibt. Wie das Rekordhoch bei der Recyclingquote zeigt, ist die stoffliche Verwertung weiter auf dem Vormarsch. Mehr als eine Viertelmillion Altreifen wurden 2019 zu Granulaten und Gummimehl verarbeitet. Das ist ein sattes Plus von sechs Prozent. Aus diesen Sekundärrohstoffen werden wiederum technisch hochwertige Produkte hergestellt. Wir reden hier also von einem geradezu beispielhaften Kreislauf.

Außerdem belegen die Zahlen einen Trend hin zu langlebigen Reifen, den ich als wdk-Präsident ausdrücklich begrüße. Aus dem wdk-Arbeitskreis Sekundärrohstoffe ist übrigens die Initiative NEW LIFE hervorgegangen, die über das fachgerechte Recycling von Altreifen informiert. Der Verband betont zu Recht, dass die Kreislaufwirtschaft bei Altreifen einen wichtigen Beitrag für Nachhaltigkeit in der deutschen Kautschukindustrie leistet. Die Reifenhersteller sind sich der Herausforderungen aus dem Lebenszyklus ihrer Produkte bewusst und der wdk bringt sich in sämtlichen Gremien ein, die dieses Thema diskutieren. Aber die Kreislaufwirtschaft in der Kautschukindustrie umfasst nicht nur Reifen. In unserer Erhebung MOVING IN CIRCLES haben wir im vergangenen Jahr das nationale Kreislaufwirtschaftssystem für Kautschuk und Elastomere anschaulich dargestellt und erstmals die entsprechenden Stoffströme quantifiziert. Das Leitmotiv lautet: „Von Energie zu Energie“. Energie wird benötigt, um die Produkte herzustellen und am Ende ihres Einsatzlebens – und vielleicht auch nach einem zwischenzeitlichen Recycling – wird aus ihnen wieder Energie hergestellt.

Image
Altreifen.jpeg
Foto: Lehmkuhl Der wdk bilanziert 571.000 Tonnen Altreifen im vergangenen Jahr.

Wenn Sie von einer „strategischen Nachhaltigkeit“ sprechen, was genau kennzeichnet diese?

Anish K. Taneja: Strategische Nachhaltigkeit bedeutet für mich, dass wir als deutsche Kautschukindustrie unseren Beitrag zu einem nachhaltigen Wirtschaften leisten. Wir setzen in Deutschland auf Qualitätsprodukte und legen ein besonderes Augenmerk auf die Langlebigkeit unserer Erzeugnisse. Unsere Branche hatte die Zeichen der Zeit übrigens frühzeitig erkannt und sich entsprechend aufgestellt. Schon vor mehr als sechs Jahren haben wir uns zu einer verbindlichen Nachhaltigkeits-Charta als Selbstverpflichtung bekannt. Außerdem beteiligt sich der wdk an der „Global Platform for Sustainable Natural Rubber“, kurz GPSNR, die an der globalen Verbesserung bei der nachhaltigen Produktion von Naturkautschuk arbeitet. Schließlich unterstützen wir unsere Mitglieder mit Leitfäden bei ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung oder der Wahrnehmung ihrer unternehmerischen Sorgfalt. Zu guter Letzt stellen wir gelungene Nachhaltigkeitsprojekte unserer Unternehmen in unserer Online-Dokumentation NACHHALTIG HANDELN vor.

Welche Rahmenbedingungen müssen aus Ihrer Sicht in Deutschland geschaffen und verbessert werden, damit die deutsche Kautschukindustrie in einem globalen Wettbewerbsumfeld bestehen kann?

Anish K. Taneja: Erst einmal brauchen wir wieder Gesprächsbereitschaft. Mit der Politik. Mit den Parteien. Wir erleben aktuell vielfältige, wichtige und richtige staatliche Hilfsprogramme für die Wirtschaft. Seit ein paar Jahren beobachten wir aber auch eine emotionale Abkehr der politischen Entscheider in Deutschland von der Industrie. Wie anders ist es zu erklären, dass wir mitten in der Pandemie-Wirtschaftskrise von der Bundesregierung ein völlig neues Unternehmens-Sanktionsgesetz vorgesetzt bekommen? Oder ein Sorgfaltspflichtgesetz für Lieferketten. Oder ein neues nationales Emissionshandelsgesetz und die parallel versprochene Entlastungsverordnung für den Industriestandort Deutschland wird als nachrangig behandelt. Oder dass die nationale Regulierung des Umweltministeriums die Automobil-Spitzenstellung  deutscher Unternehmen faktisch beschränkt.

Ja, sicher gab es hier auf Seiten bestimmter Industrie-Unternehmensleitungen Versäumnisse. Gerade auch im Mobilitätsbereich. Man darf aber nicht über das Ziel hinausschießen. Die vielen weltweit technisch federführenden kleinen und mittelständischen Unternehmen dürfen nicht hinten über fallen. Auch und gerade aus der Kautschukbranche. Mit Blick auf die Energiekosten hatte man uns ja eine „Carbon-Leakage-Verordnung“ versprochen. Auf Deutsch: Eine Energiekosten-Erleichterung, damit weiter Industrie am Standort Deutschland global wettbewerbsfähig produzieren kann und nicht ihre Zelte hier abbricht. Darauf warten wir bisher vergebens. Schauen Sie unsere europäischen Nachbarn an: Wenn die Industrie weg ist, kommt sie nicht wieder. Und die Industrie ist Garant für wirtschaftliche und gesellschaftliche Stabilität. Gerade in Krisenzeiten. Daher mein Angebot an unsere politischen Entscheiderinnen und Entscheider in Berlin: Sprechen Sie mit uns. Wir sind dialogbereit. Wir sind Teil der Gesellschaft.

Wie wird sich Ihrer Ansicht nach die Transformation der Mobilität auf die Kautschukindustrie auswirken und welche Gestaltungsmöglichkeiten hat die Industrie?

Anish K. Taneja: Wir stehen  an einer Zeitenwende, die wir aktiv gestalten wollen. Wirklich spannend sind für uns beispielsweise der verstärkte Einsatz biobasierter Rohstoffe und das auf Langlebigkeit zielende Design heutiger Kautschukprodukte. Hier gibt es mit Blick auf die Recyclingfähigkeit neue Perspektiven und ein interessantes Forschungsfeld. In jedem einzelnen Unternehmen, aber auch im Verband sind wir dazu bereits aktiv.

Wohin der Mobilitäts-Wandel führt, lässt sich noch nicht abschließend voraussagen. Haben wir vor COVID noch über das abnehmende Interesse der „Millenials“ am eigenen Auto philosophiert, so zeigen jüngste Umfragen ein ganz anderes Bild. Individuelle Mobilität wird in der entsprechenden Altersgruppe nun als sehr wichtig angesehen. Und das beschränkt sich nicht nur auf das Fahrrad. Kautschukprodukte sind für alle Formen der Mobilität unverzichtbar. Und Kautschuk mit seinen ganz spezifischen technischen Eigenschaften ist auch nicht substituierbar. Neue Untersuchungen zum Anteil der Produktsparten am CO2-Footprint eines batterieelektrischen Autos zeigen darüber hinaus, dass der CO2-Anteil der Kautschukerzeugnisse – immerhin 100 Kilogramm – äußerst gering ist. Und dass sein Ersatz extrem teuer wäre. Also: Kautschuk wird auch zukünftig im und am Auto eine entscheidende Rolle spielen. Wir befassen uns im wdk seit mehreren Jahren mit den ganz konkreten Auswirkungen auf die verschiedenen Kautschuk-Typen und sind hier ganz gut im Bilde.

Image
wdk-Präsident Taneja.jpeg
Foto: wdk

IAA Mobility 2021

„Nachhaltigkeit ist kein Mode-Thema“

„Die Mobilitäts- und Klimawende packen wir nur mit intelligenten und nachhaltigen technischen Lösungen“, bekräftigt der Präsident des Wirtschaftsverbands der deutschen Kautschukindustrie (wdk), Anish K. Taneja, anlässlich der IAA Mobility 2021 in München.

Image
Fotolia_14141194_L.jpeg
Foto: Alterfalter - Fotolia

Industrie

wdk warnt vor Liquiditätsengpässen bei Zulieferern

Die große Insolvenzwelle war unter den Automobilzulieferern bislang nicht zu erkennen. Nun aber warnt der Wirtschaftsverband der deutschen Kautschuk­industrie e.V. (wdk) vor zunehmend existenzbedrohenden Liquiditätsengpässen bei kleinen und mittelständischen Akteuren.

Image
reifen_Fotolia_53074287_L.jpeg
Foto: Christian Delbert - Fotolia

Markt

Kautschukindustrie verzeichnet Umsatzrückgang von 14,5 Prozent

Die Pandemie beeinträchtigt massiv das Wirtschaftsgeschehen – auch in der deutschen Kautschukindustrie. Laut dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschukindustrie e.V. wurde die Branche insbesondere wegen ihrer starken Kopplung an die Automobilindustrie stark in Mitleidenschaft gezogen.

Image
michelin_reifen.jpeg
Foto: Michelin

Markt

Enge Versorgungslage bei Industrierohstoffen

Die deutschen Kautschukverarbeiter sehen sich laut dem Wirtschaftsverband der deutschen Kautschuk­industrie e.V. (wdk) zunehmend im Griff turbulenter Rohstoffmärkte. Die Versorgungslage bei wichtigen Industrierohstoffen sei zum Reißen angespannt, einzelne Produktionsausfälle schon eingetreten und eine Besserung nicht in Sicht.